Kraftprobe mit dem Staatsrat – Der Fall Richard Wagner 1865

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Der „Lolus“ von Ludwig II. – schlimmer als die biblische Heuschreckenplage

Die Öffentlichkeit hatte sich gegen Wagner gestellt: In der Presse wurden teils sachliche, teils unsachliche und unrichtige Anti-Wagner Berichte verbreitet. Bürger sammelten Unterschriften und demonstrierten gegen Wagner. Im Volksmund wurde Wagner nun „Lolus“ genannt, eine Anspielung auf die Affäre von Ludwigs Großvater Ludwig I. mit der Tänzerin Lola Montez, die letztlich zu Aufständen führte und den damaligen König zum Abdanken zwang.

Nach dem Wagner vom 11. bis 18. November 1865 einige Tage bei Ludwig II. auf Schloss Hohenschwangau mit Gesprächen, Konzerten und Ausflügen verbrachte, entzündete sich die Öffentlichkeit noch mehr. Im Neuen Bayerischen Kurier wird er als noch unheilvoller als die biblische Heuschreckenplage beschrieben. Wagner setzt sich zur Wehr, reißt sich zu einem anonymen Artikel in den Neuesten Nachrichten hin, der seinen Gegnern eine Steilvorlage gab. Öffentlich hatte Wagner hierin die „Entfernung zweier oder dreier Personen“ aus dem Staatsdienst gefordert, denen Wagner die Hauptschuld an der Intrige gegen ihn beimaß: Pfistermeister und von der Pfordten.

Was Richard Wagner betrifft, so ist hier allerdings die Stimmung sehr erregt, zumal seit dem offenbar von Wagner selbst ausgegangenen Artikel in Nr. 333 der Neuesten Nachrichten, in welchem in einer bisher von niemand gewagten Weise die „unerschütterliche Freundschaft“ Euerer Majestät in Anspruch genommen und die Entfernung der Umgebung Allerhöchstderselben gefordert wird. Daß dabei manche Übertreibungen und Unrichtigkeiten unterlaufen mögen, will der treu Unterzeichnete nicht bezweifeln. Aber unbestreitbare Tatsachen sind der Aufenthalt Wagners in Hohenschwangau, die Erhebung ganz ungewöhnlicher Summen von 40.000 fl. [Gulden] durch Frau von Bülow, und die beispiellose Anmaßung und offen kundgegebene Einmischung Wagners in andere als künstlerische Gebiete. Diesen Tatsachen gegenüber würde es ganz vergeblich sein, der allgemeinen Stimmung über Wagner hier entgegenzuarbeiten, und der treu gehorsamst Unterzeichnete muß bekennen, daß er nach seinem eigenen Gefühle sich hierzu außerstande sieht. […]

Euere Majestät stehen an einem verhängnisvollen Scheidewege und haben zu wählen zwischen der Liebe und Verehrung Ihres treuen Volkes und der „Freundschaft“ Richard Wagners. Dieser Mann, der es wagt zu behaupten, die in Treue erprobten Männer im Königlichen Kabinette genössen nicht die mindeste Achtung im bayerischen Volke, ist vielmehr seinerseits verachtet von allen Schichten des Volkes, in denen der Thron seine Stütze suchen muß und allein finden kann. […]

Minister von der Pfordten an König Ludwig II., 1. Dezember 1865