Der Tod von König Ludwig II. von Bayern – Die rätselhafte Königskatastrophe

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Eine Audienz und ein Gespräch am Nachmittag

Gegen 14 Uhr 30 kommt Stabskontrolleur Friedrich Zander zur Audienz vor den König. Ludwig II. hatte ihn zu sich befohlen. Und Professor Gudden lässt ihn vor. Ungern tut er das. Insgeheim ärgert sich der berühmten Arzt, dass man den König wie einen König behandeln soll und nicht wie andere hochwohlgeborene Patienten. Die Behandlung macht es beschwerlicher. Zander nimmt er das Ehrenwort ab, nicht über Fluchtpläne mit dem König zu reden. Doch der König zieht Zander in eine Fensternische und will Vertrauliches reden. Dieser erinnert sich an das abgegebene Versprechen und bitte darum, entlassen zu werden. Das Gesicht des Königs verfinstert sich. Er winkt Zander aus dem Zimmer. Noch einer, dem der Monarch nicht mehr vertrauen kann. Der Stabskontrolleur hatte Ludwig II. mit „blitzenden Augen, energisch, lebhaft, wie in seinen besten Tagen“ erlebt. Er hätte gefragt, ob die Gendarmen im Park scharf geladen haben.

Hagen und Hubrich auf Dienstag vormittag 9 Uhr bestellt. Das Parere [= Gutachten] über Prinz Otto wird voraussichtlich Dienstag abend übergeben werden können. Hier geht es bis jetzt wunderbar gut. Persönliche Untersuchung hat übrigens das schriftliche Gutachten nur bestätigt.

Telegramm von Prof. von Gudden an Minister Lutz, abgefertigt in Berg am 13. Juni 1886, 18 Uhr 25

Danach verlangt Ludwig II. nach Dr. Müller. Unentwegt äußert der König Verfolgungsideen. Gut 45 Minuten lang befragt er den Psychiater. „Ich war über ¾ Stunden beim König und muß offen gestehen, daß ich mehr gefragt worden bin als in meinem Staatsexamen“, berichtet Müller über diese Unterhaltung.

Während der König speist gibt Gudden ein Telegramm an Staatsminister von Lutz auf, um über den Lauf der Dinge zu berichten. Gegen 18 Uhr klopft Professor von Gudden bei Dr. Müller, der Briefe schreibt. Er legt seinem Assistenten eine Hand auf die Schulter. Draußen hält das Regenwetter an. Die Umgebung des Schlosses ist fast menschenleer. Nur einige Ausflügler wagen sich bis zum versperrten Eingang des Schlosses. Gudden betrachtet die Wagner-Bilder. Dutzende hängen an den Wänden. Er hat keine Lust aufs Spazierengehen. Das trübsinnige Wetter und die Befragungen durch den König rauben scheinbar die Kräfte. „Wenn ich nur nicht jetzt wieder zur Audienz befohlen werde, das ewige Ausfragen ist geradezu peinigend, der König will alles bis ins Detail wissen, und dann fragt er immer noch warum“, sagt Gudden kurz bevor der König ihn zu sich bittet. Um 20 Uhr will Gudden zum Souper zurück sein. Es sollte das letzte Mal sein, dass Müller seinen Chef lebend zu Gesicht bekam.

Als Pfleger Mauder mit dem erwarteten Befehl kam, ging Gudden ins Zimmer des Königs. Ich hielt es doch für besser, wenn der Spaziergang nicht ohne Aufsicht vor sich ging, und gab deshalb den Auftrag, Pfleger Schneller sollte in bescheidener Entfernung nachfolgen.

Aus dem Bericht von Dr. Müller